Akima I: Dead Man Walking
Content Warning: Diese Geschichte behandelt düstere Themen. Wenn dir aktuell Themen wie Suizid, Gewalt (auch impliziert an Kindern), Stimmenhören oder Kontrollverlust zu Nahe gehen, bitte überspringe diese Geschichte. Schreib mir gern eine Nachricht, dann geb ich dir eine verdaulichere Zusammenfassung.
Solltest du dich trotz dieser Warnung in den Abgrund hineinwagen, dann sei vorsichtig. Der Abgrund starrt gerne mal zurück...
Ein Knäuel aus silbernen Fäden schwebt in der Dunkelheit. Es flüstert. Es lacht. Ein roter Puls durchfährt das Knäuel und es beginnt zu schreien. Tausende Seelen kämpfen um die Macht, von dir gehört zu werden. Doch nur zwei Fäden sind stark genug, um mit dir um die Kontrolle zu kämpfen.
Du bist unser Gefäß. Deine Gedanken sind ein stummer Sturm. Sie fliegen wild umher, streifen deinen Geist und werden sofort wieder von dir weggezerrt. Du willst sie nicht hören. Du willst uns nicht hören. Wir schreien dich an, argumentieren und flehen. Wir sind Zorn, Trauer, Schuld und Gier zugleich. Doch wir dringen nicht zu dir durch.
Der kalte Wind peitscht über die schwarzen Felswände des Labyrinths. Dein Körper friert, doch du spürst es nicht. Der Sturm in dir macht dich taub. Der Gestank von Verwesung liegt in der Luft. Verrottende Glieder sprießen aus den Teerbecken empor.
Sie blühen wie die Blumen, die deine Mutter einst in eurem Garten pflanzte.
Du stockst.
Oh, hat ihre Erwähnung den Sturm etwa für einen Moment durchbrochen? Du weißt, du könntest sie wiedersehen, nicht wahr? Irgendwo in den tausend Welten wurde ihre Seele wiedergeboren. Zusammen könnten wir sie finden.
Du stellst es dir vor. Wieder als Familie vereint. Doch was dann?
Scham und Selbsthass entfesseln den Sturm erneut und unsere Stimmen wehen davon. Deine Beine laufen weiter. Sie bringen dich Schritt für Schritt näher an dein Ziel. Wir sind ein Teil von dir. Ein Teil deiner eigenen Gedanken. Du redest dir ein, wir seien nichts weiter als lügende Monster mit scharfen Klauen, die dein unschuldiges Ich zerfetzen. Doch was gäbe es da noch zu zerfetzen? Du hast uns ja kaum etwas übrig gelassen. Ob du es willst oder nicht, wir sind ein Teil von dir und wir haben Hunger. Dieser Hunger ist es, der uns und dich zerfrisst. Doch tust du nichts dagegen. Du versinkst einfach weiter in deinem Selbstmitleid.
Wir dringen aus deinen Schultern hervor. Unsere Schlangenkörper sind abgemagert, doch unsere Zähne sind messerscharf. Dass wir hungern ist kein Zeichen unserer Schwäche, es ist eine Konsequenz deines Äußeren. Dein Gestank ist es, der selbst die aufdringlichsten Dämonen davon abhält, in unsere Reichweite zu kommen. Ledrige Hautfetzen hängen an dir herab, in einer spöttischen Nachbildung deines einst bunten Gewandes. Du bist drahtig und hoch gewachsen. Deine Hufe klappern mit jedem Schritt auf dem steinernen Pflaster und deine in die Länge verzerrten Arme enden in messerscharfen Klauen. Nur ein einziges Memento trägst du noch bei dir. Die teils geschmolzene Kette hängt um deinen Hals, als würde sie verzweifelt an dir festhalten. Ihr einstiges Herzstück ist nicht mehr als ein unförmiger Klumpen Gold. Du trägst sie immer bei dir, doch weigerst du dich, an ihr einstiges Aussehen zu denken. Wir haben schon oft versucht, dich damit zu ködern. Einmal haben wir es sogar geschafft. Es war ein schönes Blutbad, das wir damals zusammen veranstaltet haben. Viele neue Stimmen, die unseren Chor verstärken.
Hättest du nicht Lust, das zu wiederholen? Oder bist du zu feige dafür?
Du gibst keine Reaktion.
Der Sturm tobt noch immer. Und wieder wehen unsere Worte einfach davon… wie einst deine Zukunft, als der Bandit sein Messer über die Kehle deiner Mutter zog.
Wieder würdigst du uns keiner Reaktion? Wir sind frustriert. Offenbar hat sich auch dieser Angriffswinkel abgenutzt. Wir streiten. Wir überlegen. Wir suchen eine neue Schwachstelle.
Deine Beine erreichen das Ende deines Weges. Hoch oben, an den Klippen des Labyrinths stehst du und blickst auf die endlosen Weiten herab. Ein einsamer schwarzer Turm ragt aus dem schwarzen Labyrinth herauf. Er ist die Zitadelle des Herrschers, ein Mahnmal der Angst und der Begierde. Dort sollten wir herrschen. Er sollte uns gehören. Wir sollten jetzt darum kämpfen, anstatt unsere Kraft mit dieser Torheit zu verschwenden.
Die Luft ist warm und stickig, schwanger mit dem Geruch von Schwefel. Aus dem Himmel starrt das Gesicht unseres toten Königs auf diese Welt herab, und es wirkt, als würde er dich beobachten und dich für deine Vergangenheit verurteilen. Schwarzer Schleim fließt unentwegt aus seinen leeren Augenhöhlen herab. Seine schwarzen Tränen sind wie ein Wasserfall des Todes. Irgendwann wird sich das ganze Labyrinth damit füllen und all seine Bewohner darin versinken.
Dein Blick fährt hinab zu den Felsen. Wie Zähne stoßen sie aus dem Gestein hervor und lechzen gierig nach deinem Fleisch. Wir wissen, was du vor hast. Wir wussten es die ganze Zeit. Wir versuchen ein letztes Mal dir klarzumachen, wie sinnlos dein Unterfangen ist. Wie schmerzhaft es für dich sein wird. Wie es alles nur schlimmer machen wird. Doch trotzdem trittst du nach vorn und stürzt in den Abgrund. Unser Schrei durchbricht den Sturm, doch es ist zu spät.
. . .
Dunkelheit hüllt Akima ein und er wird von einer wohligen Ruhe umgeben. Eine schützende Umarmung, wie einst die seiner Mutter. Das silberne Knäuel ist verschwunden. Die Stimmen schweigen. Der Sturm hat sich gelegt. Endlich ist er allein.
Hat er es geschafft? Ist die Zeit seiner Strafe wirklich vorbei? Er denkt an seine Familie, an seine Freunde, an all die wunderbaren Dinge, die er in seinem Leben gesehen hat. Die Erinnerungen zaubern ein Lächeln auf sein Gesicht. Der Geruch des Bratens, den seine Mutter im Ofen zubereitete. Das Lob seines Vaters nach einem langen anstrengenden Arbeitstag. Krillians Training und die Schelte, die er kassierte, nachdem sie ihn dabei ertappte, wie er in ihren Unterlagen las. Abbis Tatendrang und die tausend Sachen, die sie liegenlassen wollte, nur um möglichst schnell zu ihrer Schwester zu kommen. Gustavs Verklemmtheit und Samuels Humbug. Darions hundert Fehlschläge, bis ein Zauberexperiment endlich glückte. Die Reise mit Lia zum Hof des Sommers. Ophelia...
Ein Moment der Ruhe ist leider nur genau dies: ein Moment. Hitze macht sich in ihm breit. Die wohligen Erinnerungen fangen Feuer. Ophelias pinke Haare blitzen auf, ein Schuss knallt und der Traum zerplatzt wie eine reife Tomate an einer steinernen Wand.
. . .
Schmerz durchfährt deine Glieder und du spürst, wie sie von uns zurechtgerückt werden. Das Feuer des Cas brennt in deinen Wunden. Die Flammen lodern und verzehren sich selbst. Wir streiten mit uns selbst. Du brauchst mehr von uns, um das hier zu überleben. Mehr und mehr verzehrt uns das Feuer, doch wir haben ihm schon so viel gegeben. Wir kämpfen miteinander. Wir dominieren und zwingen die anderen, sich den Flammen zu opfern. Stück für Stück reißen wir die silbernen Fäden aus dem Knäuel und geben sie den züngelnden Flammen zum Fraß. Alles nur um dich zu heilen. Nur um deinen törichten Fehler wieder gut zu machen. Hättest du nur auf uns gehört. Hättest du uns nur in deinen Geist hereingelassen. Dann wären sie alle verschont geblieben.
Deine Augen öffnen sich. Saphirblaue Augen beobachten, wie sich ein großes Loch in deinem Brustkorb schließt. Wie sich Knochen wieder zurechtbiegen und Muskelfasern wieder neu verknüpfen. Wir sind geschwächt. Ein Teil des Knäuels ist zerrissen. Unsere messerscharfen Zähne verlangen nach Blut. Du hörst uns. Der Schmerz verbietet es dir, uns auszusperren. Wir bitten dich um Hilfe. Nur durch uns hast du überlebt. Aber du ignorierst uns. Du versuchst uns auszusperren. Und das, obwohl wir dich gerettet haben?
“Euch gerettet. Ihr habt einzig und allein euch gerettet.”, deine Stimme ist leise und schwach. Flüssigkeit in deiner Lunge lässt deinen Atem röcheln. Du spürst Frust, Demut und Trauer.
Du vermisst etwas. Was ist es? Hast du etwas gesehen, als du auf der Schwelle zwischen Leben und Tod standest?
Ein schmerzerfülltes Stöhnen dringt aus deinen Lippen hervor und du richtest dich auf. Zähne aus Stein, welche sich gerade noch an der Wärme deines Fleischs erfreuten, bleiben nun einsam und verlassen zurück. Der poröse Stein trinkt gierig das Blut, das deine Torheit zurücklässt.
Eine Bewegung zwischen den Felsen erlangt unsere Aufmerksamkeit. Wir zittern vor Hunger. Ein Bewohner des Labyrinths beobachtet dich durch zwei große Facettenaugen. Keine Kleidung, sondern weiße Kreidebemalungen verzieren seinen grauen, abgemagerten Chitinpanzer. Unsere Sinne erspüren das Echo seiner Vergangenheit, doch seine Seele ist schwach und bedeutungslos. Er war nicht mehr als ein Diener. Ein geringer Priester, der einst sich und seine Götter verraten hat, um seine Gemeinde zu schützen. Wir erinnern uns an ihn. Nach jedem deiner Tode scheint er auf deine Auferstehung zu warten und markiert jedes Treffen mit einem Kratzer in seinem Panzer. Seine Existenz ist bedeutungslos, aber der Hunger lässt uns allein beim Gedanken an den Verzehr dieser mageren Seele in eine qualvolle Extase verfallen.
Deine Wunden schließen sich und die glühenden Flammen verblassen zu glimmenden Kohlen unter deiner Haut. Schmerz zieht in Blitzen durch deinen Körper, als du dich erhebst. Wir können nicht länger warten. Jede Sekunde mit diesem ungestillten Hunger ist eine Tortur. Wir schnappen nach dem stummen Priester, knurren und fauchen, doch er flieht nicht. Er beobachtet dich. Keine Emotion ist auf seinem Gesicht lesbar.
Sind wir wirklich so schwach geworden, dass nicht einmal ein Wicht wie er uns fürchtet? Komm mein Gefäß, zeigen wir ihm, was für eine Furcht einem Prinzen des Abgrunds gebührt. Reißen wir ihn in Stücke und genießen seine Angst, bevor wir ihn verschlingen. Komm, bring uns näher an ihn heran.
Endlich stehst du. Deine Beine sind schwach und du wankst. Du würdigst dem Priester keines Blickes. Du läufst - doch in die falsche Richtung!? Wir kreischen und zerren, aber du verlässt die Grube, ohne unseren Hunger zu stillen. Der Blick des Priesters folgt uns und er kratzt eine weitere Kerbe in seinen Panzer.
. . .
Die grellen Lichter des Markts blenden dich. Basslastige Musik dröhnt aus einer Höhle wie der Atem eines schlafenden Drachen aus seinem Hort. Eine helle Stimme schreit profane Texte in einem starken und schnellen Rhythmus. Du schreitest durch bunte Marktstände aus Stein, Knochen und Leder, welche vor den Höhlen der Felswände aufgebaut wurden. Die Wände in diesem Teil des Labyrinths sind von Höhlen zerfressen. Sie waren einst das Nest der Chasmen. Was sie heute wohl machen? Wir haben sie immer gemocht.
Eine Hand berührt deine Schulter, eine knapp bekleidete Frau blinzelt dich verführerisch an. Du schüttelst den Kopf. Sie nickt und ihre Gestalt ändert sich zu der eines Mannes. Als du erneut den Kopf schüttelst, verzerrt sich ihr – (sein?) Gesicht für einen Moment zu einer grässlichen Fratze. Doch dann beruhigt sich der Inkubus, grinst und du merkst, wie er deine Gedanken berührt. Sanft zieht er eine Erinnerung aus deiner Vergangenheit hervor, studiert sie und verändert erneut seine Gestalt. Du starrst in das Antlitz von Krillian. Ihre spitzen Ohren. Ihre Haare. Ihre Narben. Alles war genauso wie damals, kurz bevor wir ihren Schädel– Entsetzen kocht in dir hoch und für einen Moment lässt du unsere Ketten los. Wir stürzen uns auf den Inkubus und zerfleischen ihn. Es braucht nur drei Bissen von unseren Kiefern und sein Körper ist fort und seine Seele verschlungen. Ein Loch in unserem Knäuel ist gestopft. Unser Hunger ist noch lange nicht gestillt, doch der Schmerz ist fort. Unsere Gedanken klären sich und wir ziehen uns zurück und legen uns auf die Lauer. Das Spiel um die Herrschaft beginnt erneut.
Du bewegst dich weiter durch die engen Gassen des Marktes und lässt den Blutfleck der Kreatur zurück. Alle starren dich an. Einige verstecken sich vor dir. Andere gehen dir einfach aus dem Weg und halten einen trügerischen Sicherheitsabstand. In dieser Blase der Angst bewegst du dich zu einem Ort, an dem du oft verweilst. Ein Ort, der dir Ruhe gibt und dir hilft, unsere Stimmen auszublenden.
Die Treppe knarrt und du betrittst die Ziggs, eine triefende Bar auf Stelzen über dem Getummel des Markts. Einige der Gäste starren dich an und es wird getuschelt. Schwarze Münzen landen auf dem Tresen, als sie die Bar wegen dir verlassen.
Sie haben Angst. Spürst du es? Ist dieses Gefühl nicht großartig? So sollte es sein.
Der Wirt, ein zerzauster grauer Ziegendämon, beobachtet dich mit seinen großen Augen, als du an der Bar Platz nimmst. Er kennt dich. Er ist töricht genug, um keine Angst vor dir zu haben. Er denkt, dass du ihn brauchst. Er denkt wirklich, sein Alkohol sei stark genug, um dich von unseren Stimmen abzuschirmen. Du gibst ihm ein paar Münzen, die unser letztes Opfer bei sich hatte. Er ignoriert das Blut, das noch an ihnen klebt.
Auf den flimmernden Okularen über dem Tresen läuft ein Zusammenschnitt eines blutigen Arenakampfes. Der Gewinner war ein blau-geschuppter Dämon mit dem Kopf einer Kröte und dem Körperbau eines übergewichtigen Gorillas. Anders als bei anderen Hezrou endete sein linker Arm in einer riesigen Krabbenschere, welche durch ihre Größe und ihr Gewicht auf dem Boden schleift. Er streckt gerade seine andere Hand in die Höhe und lässt sich für den Sieg in der Arena feiern. Die anderen Gäste der Bar jubeln. Du ignorierst das alles und gibst dich dem Alkohol hin. Der blubbernde dunkle Saft brennt in deiner Kehle. Er schmeckt abscheulich. Du versuchst, den Geschmack zu ignorieren, doch du kannst ein kurzes Würgen nicht unterdrücken. Das Gesöff dieser Bar wird aus demselben schwarzen Schleim destilliert, der stetig über dem Labyrinth vom Himmel tropft. Doch egal wie lange man es verarbeitet, egal mit was man es mischt, der Geschmack von Fäulnis und Trauer wird niemals daraus verschwinden. Hinter dir wird noch einmal gejubelt und ein schwarz-geschuppter Dämon gesellt sich zu dir. Er ist kleiner, jedoch von der gleichen hässlichen Sorte wie der Dämon aus der Arena. Er spricht und du blendest ihn aus. Er wiederholt sich, doch du willst ihn nicht wahrnehmen. Er ist ein Fremdkörper in deinem Selbstmitleid.
Lass unsere Ketten los und wir werden ihn beseitigen. Wir werden ihn verschlingen, genau wie den Inkubus.
Das Bild des Blutflecks erscheint in deinen Gedanken und deine Augen weiten sich. Deine Hand greift den Arm des Dämons und du starrst ihn mit einem vernichtenden Blick an. Seine stolze Wut wandelt sich zu Schmerz, als du deinen Griff verstärkst. Sein Arm verdreht sich in einem unnatürlichen Winkel. Nach einigen Sekunden der Überlegung setzt der Dämon ein schmerzerfülltes Lächeln auf, entschuldigt sich und windet seinen Arm aus deinem Griff. Er senkt den Kopf, ruft etwas durch den Raum und die restlichen Gäste verlassen die Bar. Beim Rausgehen spukt einer von ihnen noch einmal in deine Richtung und ein gelber Pfropfen trifft deinen Umhang. Der Wirt seufzt, stellt ein neues Glas des dunklen Gesöffs auf die Bar und spricht in einer kekelnden Stimme: “Sei vorsichtig da draußen. Seit Louzra die Schädelarena dominiert, werden er und sein Klan immer aufmüpfiger. Wenn sie als Gruppe durch die Gegend stolzieren, sind sie gefährlich. Vier Läden auf dem Gnatosmarkt wurden bereits von ihnen verwüstet, nur weil die Händler ihnen für ihre Zugehörigkeit zu Louzra keinen Rabatt geben wollten. Ich vermute, dein fehlender Enthusiasmus wird auch dich zu ihrem Ziel machen.”
Du nickst als Antwort.
Kein weiteres Wort wird in der Bar gesprochen.
Das Okular dröhnt mit Musik und du versinkst in der Schwärze deiner betäubten Gedanken.
. . .
Einige Stunden später wachst du auf den Stufen der hölzernen Treppe wieder auf. Die Bar hinter dir war geschlossen. Offenbar hat der Wirt dich herausbefördert. Das hätte er eigentlich machen sollen, bevor du ihm die Kundschaft vergraulst. Du stehst auf und bewegst dich über den nächtlichen Markt in Richtung der kleinen Höhle, die du dein Zuhause nennst. Der Markt brummt vor Leben. Der Blutfleck ist längst beseitigt, der Inkubus und der Umstand seines Verschwindens längst vergessen. Auf deinem Weg wirst du nicht behelligt und du verschmilzt mit den Massen.
Kurz vor deiner Höhle, auf einer Kreuzung zweier Labyrinthspalten, siehst du eine Prozession durch die Straßen laufen. Dröhnendes Lachen und Jubeln schallt dir entgegen. Eine Gruppe Hezrou durchstreift das Labyrinth, angeführt von dem Gewinner aus der Arena. Seit seinem Sieg wurden seine blauen Schuppen mit roter Farbe in chaotischen Mustern bemalt. Die Farbe an seiner Krabbenschere imitiert Blut, welches aus dem Inneren der Klaue herauszufließen scheint. In seiner normalen Hand trägt er das Ende einer schwarzen Kette. An ihr –
Du erstarrst. Ein Kind schlurft mechanisch hinter dem Dämonen her. Ihr Blick ist leer. Zwei gebrochene Flügel ragen aus ihrem Rücken hervor. Wenige, vereinzelte Federn hängen von ihnen herab. Ihr blondes Haar ist grau vor Schmutz und Staub. Blut klebt an ihrem weißen Kleid. Du lockerst unsere Ketten und hörst uns zu.
“Was ist sie?” fragst du uns. Wir antworten. Sie ist ein Aasimar, ein Sterblicher mit göttlichem Segen. Aasimar-Seelen sind besonders ergiebig. Sie schmecken –
“Warum ist sie hier?” unterbrichst du uns. Es tut gut, gehört zu werden, also lauschen wir den Erinnerungen des Kindes und antworten dir erneut. Sie ist eine Trophäe. In der Arena gewonnen. Ihre Eltern haben sie in einem Ritual an den gehörnten Prinzen, den Herrscher des Labyrinths, verkauft. Dafür haben ihre Truppen die Macht erhalten, die sie brauchten, um ihr Königreich vor einem sicheren Untergang zu bewahren.
Wut brennt in dir auf. Du denkst an deine Eltern, die alles gaben, um dein Leben zu retten. Du denkst an Krillian, die dich aufnahm, obwohl du nichts als ein Fremder für sie warst. Du erinnerst dich an ihren traurigen Blick, als sie das Blutbad sah, welches wir zusammen im Namen der Rache angerichtet hatten. Du triffst eine Entscheidung, die niemals eine wirkliche Entscheidung war. Sie war Schicksal.
“Wie bringen wir sie hier raus?”, die Frage überrascht uns. Wir untersuchen die Beschaffenheit ihres Fluchs und antworten. Sie ist an den Herrscher dieses Labyrinths gebunden. Solange er lebt, kann sie diese Ebene nicht verlassen. Du überlegst kurz, doch der nächste Schritt stand bereits vor unserer Antwort fest.
“Ich möchte einen Handel.”, deine Worte schlagen eine Welle durch das Knäuel. Wir schweigen gespannt.
“Ich kämpfe und lasse euch fressen. Ich erringe für euch den Thron dieses Labyrinths. Dafür tut ihr alles, um sie hier rauszubringen. Ihr darf kein Haar gekrümmt werden, verstanden?”, wir schweigen.
“Verstanden?”, deine Stimme ist nun kein Flüstern mehr, sondern ein lauter Ausruf. Einer der Hezrou bemerkt dich und ruft: “Das ist doch der Kerl aus der Bar! Er ist bestimmt hier, um Louzras Siegesfeier mit seinem hässlichen Antlitz zu beschmutzen. Das lassen wir doch nicht zu, nicht wahr Freunde?”
Ein zustimmendes kehliges Dröhnen schallt von der Gruppe herüber, als sie ihre kruden Waffen ergreifen und dich umzingeln. Du spreizt deine Klauen und wartest auf unsere Antwort. Wir lassen dich warten und genießen deine Ungeduld. Der schwarze Hezrou aus der Bar stürzt auf dich zu und ein großer Hammer saust auf dich herab. Wir antworten.
Ein Handel ist geschlossen.
Unsere Schlangenkörper sprießen aus deinem Rücken. Messerscharfe Zähne graben sich in das dunkle Fleisch des Angreifers. Du weichst zur Seite aus und der Hammer knallt neben dir auf den Boden. Du stellst einen Fuß auf den Hammer und greifst den breiten Krötenkopf des Angreifers mit beiden Händen. Seine Augen weiten sich, als er sich windet und du ihn festhälst, während unsere scharfen Zähne ihn in Stücke reißen. Wir sind mit ihm gerade fertig, als zwei weitere Gegner mit kruden Speeren auf dich einstechen. Du springst hinauf und schleuderst den Kopf des Toten in die Richtung des ersten Angreifers. Er ist überrumpelt, taumelt zurück und du landest mit beiden Hufen auf seinen Schultern. Wir reißen ihm die Kehle raus, schlingen uns um seinen Speer und erstechen damit den anderen Angreifer. Du nutzt den Moment auf seinen Schultern, um dir einen Überblick über den Kampf zu verschaffen. Vierzehn weitere Angreifer mit verschiedensten Waffen haben dich umzingelt. Louzra verbleibt außerhalb des Rings und beobachtet den Kampf. Die anderen Angreifer sind fast ausschließlich weitere krötenartige Hezrou. Nur zwei von ihnen sind Vrocks, geflügelte Geierdämonen. Sie heben ab und beginnen ihre Dornenpeitschen zu knallen. Der Körper unter dir sinkt zu Boden und drei weitere Hezrou kommen angerannt. Wir haben Spaß.
Louzra, der Feigling, schreitet erst in den Kampf ein, als neun weitere Angreifer von uns niedergemetzelt wurden. Du hast gerade die Peitsche des zweiten Vrock mit deinem linken Arm gefangen. Ihre Dornen graben sich tief in deinen Arm. Dunkles Blut tropft herab und rote Flammen züngeln um deine heilenden Wunden. Louzra brüllt, hebt mit erheblicher Anstrengung die Krabbenschere und kommt auf dich zugerannt. Du siehst ihn kommen, ziehst ruckartig an der Peitsche und springst in die Luft. Unter dir schnappt die Schere zu und teilt den Vrock in zwei Hälften. Du landest auf der Schere, stößt dich ab und springst in Richtung ihres Besitzers. Die Schere knallt zu Boden und Louzra verliert das Gleichgewicht. Er taumelt nach vorn. du landest hinter ihm und schlingst im Flug die Dornenpeitsche um seinen Hals. Dickes Blut strömt von seiner Hand herab, als er versucht, die Dornenpeitsche von seinem Hals zu lösen. Als er sein Maul in einem Schmerzenslaut öffnet, nutzen wir den Moment und dringen in ihn ein. Wir winden uns durch seinen Hals ins Innere seines Körpers. Dort fressen wir.
Als Louzras endlich stirbt sind die restlichen Angreifer längst geflohen. Die Kreuzung ist getränkt in Blut. Überall liegen Überreste der toten Dämonen. Aus sicherer Entfernung beobachten uns die Bewohner des Labyrinths. Sie haben Angst. Wir genießen dieses Gefühl. Das Kind steht am Rande des Schlachtfeldes. Ihr Blick ist ausdruckslos. Ihre Augen starren ins Leere. Sie hat nicht einmal gezuckt, als der Kampf tobte. Du spürst Sorge und Mitleid. Du fragst dich, was ihr angetan wurde.
Was kümmert es dich?
Deine Gefühle sind überwältigt von dem Drang, ihr zu helfen.
Woher kommt das? Hat sie dich verzaubert? Ist hier Magie am Werk? Wie tut sie das?
Du trittst langsam auf sie zu und gehst die Hocke. Du lächelst. Deine blauen Augen strahlen und du streckst deine Hand aus. “Hey. Hab keine Angst. Du bist jetzt sicher.”, deine Worte sind unsicher und stotternd. Es ist lange her seitdem du absichtlich laut gesprochen hast. Du verharrst einige Minuten in dieser Position, bis sie endlich beginnt, dich wahrzunehmen. Sie erfasst das Schlachtfeld, die Gedärme und das Blut. Sie sieht dein unsicheres Lächeln und deine strahlenden Augen. Etwas ändert sich. Ein Funke tritt zurück in ihren Blick. Zögerlich und ängstlich nimmt sie deine Hand.

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I can’t be saved
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Watching as it circles in the drain
With everything I loved, that’s gone to waste
With everything I was but couldn’t change