Akima II: Yula

Publiziert am 18.08.2026
Lesedauer: ~ min

Content Warning: Diese Geschichte behandelt düstere Themen. Wenn dir aktuell Themen wie Wahnvorstellungen, Trauma, Gewalt (auch impliziert an Kindern) oder Stimmenhören zu Nahe gehen, bitte überspringe diese Geschichte. Schreib mir gern eine Nachricht, dann geb ich dir eine verdaulichere Zusammenfassung.
Solltest du dich trotz dieser Warnung in den Abgrund hineinwagen, dann sei vorsichtig. Der Abgrund starrt gerne mal zurück...



In einem See aus frischem Blut, zerfetzten Körpern und herausgerissenen Innereien hockst du vor einem jungen, gottgeweihten Gör. Ihr Geist liegt offen vor uns und wir bohren uns in ihn hinein. Er gleicht einem kalten, schwarzen Loch, in dem einst ihre Hoffnung flammte. Diese Flammen sind schon lange erloschen, so viel ist uns klar, doch finden wir in der Asche noch einen winzigen Rest an glimmender Glut. Du streckst ihr deine Hand entgegen, nicht als Drohung, sondern als Angebot. Ihre Glut verändert sich nicht, das Loch in ihrem Geist bleibt kalt. Du suchst verzweifelt nach dem sanften Ton in deiner Stimme. Vor Jahren hast du ihn weggeworfen. Er war ein nutzloses Hindernis und hat dich immerzu zu Fehlern verleitet. Doch nun hängt alles davon ab, dass du ihn wiederfindest. Dein Kopf rast. Du bist nervöser als vor jedem Kampf. Endlich findest du den Mut zu sprechen.

“H- Hey. Hab keine Angst. Du bist jetzt sicher.”

Was für eine grandiose Meisterleistung. Denkst du wirklich, dieses Gestammel wird sie überzeugen? Du bist ein scheußliches Geschöpf des Abgrunds. Ihre Eltern haben ihr Geschichten über Wesen wie dich erzählt. Gleich wird sie schreien und vor dir fliehen. Alles andere wäre Wahnsinn. Lass sie uns packen und mitnehmen, bevor ihre Stimme noch etwas anlockt.

Du verharrst, bis das Leben wieder in ihre Augen tritt und sie das Blutbad um sich herum wahrnimmt. Wir genießen die Furcht, die sie überkommt und machen uns bereit, sie zu packen, doch du ziehst die Ketten wieder straff und hältst uns zurück. Ihr Herz schlägt schnell und sie blickt in deine Augen. Du wartest. Andere nähern sich der Kreuzung und bleiben am Rand des Gemetzels stehen. Frustriert zerren wir an den Ketten und ringen mit dir um die Kontrolle, doch du gibst ihr so viel Zeit wie sie braucht.

Was machst du? Hatten wir nicht einen Pakt? Sie zu retten, war dein Wunsch. Warum verhinderst du, dass wir sie in Sicherheit bringen?

Deine Worte waren holprig, doch der Blick in deinen Augen ist ehrlich. Wie ein Funke entfacht er die Glut in ihrem Inneren und sie nimmt deine Hand.
Du ziehst sie an deinen Körper und schützt sie vor den Blicken der Dämonen um uns herum. Dein Blick schweift über die Menge und sucht nach dem ungefährlichsten Ausweg. Du bemerkst ein Set an Dolchen, das noch an der abgetrennten Hüfte eines Hezrous hängt. Flink hebst du es auf, gehst in die Hocke und verlässt mit großen Sprüngen den Platz, das Mädchen in deinen Armen. Die Blicke von dutzenden Dämonen folgen uns, die schwarzen Facettenaugen des Priesters unter ihnen.

Die Bewegung durch das Labyrinth ist für dich einfach. Mit mächtigen Sprüngen gleitest du von Wand zu Wand über das wuselnde Leben hinweg. Es ist ein kurzer Weg. Direkt außerhalb des Marktbezirks, am Rande der stinkenden Teerbecken, befindet sich dein Heim: eine Höhle in der Mitte eines alten Schrottplatzes. Du landest zwischen den verrosteten Überresten alter Kriegsmaschinen und den Knochen der vorherigen Besitzerin der Höhle. Ihr gigantischer Oberkiefer ziert den Eingang wie eine Art Vordach. Anstelle einer Tür wird der Eingang durch zwei Vorhänge aus ihrer dunklen Haut von der Außenwelt abgeschottet. Du ziehst sie beiseite und lässt das Mädchen hindurchgehen, bevor du selbst dein Zuhause betrittst.
Die Luft in der Höhle ist warm und feucht. Ein tiefes Blubbern dringt aus einer der hinteren Kammern zu dir hervor. Es riecht nach Moos, Verwesung und Erde. Die Hauptkammer ist spärlich eingerichtet. Ein grob behauener Tisch aus dunklem Stein steht in ihrer Mitte, umzingelt von sieben verschieden gefärbten Kissen. Violett, rot, grau, pink, gelb, blau und grün. Sie sind dir wichtig. Ohne sie wärst du ganz allein.
In den Wänden der Kammer finden sich kleine Nischen, in denen du bunt leuchtende Kristalle und geschnitzte Figuren aus Knochen zur Schau stellst. Du bist stolz auf dieses armselige Fünkchen Gemütlichkeit, das du dir hier geschaffen hast.
Das Mädchen schaut durch den Raum. Sie ist unsicher, was sie hier erwartet.
“Hier kann dir nichts passieren.”, versuchst du zu sagen, doch mehr als das Wort nichts verlässt nicht deine Lippen. Trotzdem scheint sie dich zu verstehen. Mit vorsichtigen Schritt schleicht sie durch den Raum, inspiziert die Wandnischen, die Kissen, die zwei Vorhänge zu den hinteren Kammern und schließlich den Tisch. Dort findet sie zwischen leeren Flaschen und den Knochen aus deinem letzten Schnitzprojekt, das Bein eines Lashks. Der affenartige Fleischfresser hatte sich vor ein paar Tagen auf den Schrottplatz gewagt, um Ausschau nach Beute zu halten. Hättest du ihn ziehen lassen, wäre ein ganzes Rudel von mindestens vierzig solcher Kreaturen über dich und den Schrottplatz hergefallen. Nun ziert sein Kopf einen Pfahl am Rande deines Territoriums. Du hast ihnen einen Gefallen getan. So kann immerhin das Rudel weiterleben. Ein Messer ragt noch aus dem Bein. Mit ihm hast du versucht, kleine Stückchen von dem zähen Fleisch abzuschneiden, doch letztendlich waren deine Zähne die bessere Wahl gewesen. Als sie das Fleisch sieht, weiten sich die Augen des Mädchens und Scham rast durch deinen Kopf. Du versuchst etwas Beruhigendes zu sagen, doch plötzlich springt sie auf den Tisch zu, greift das Bein und beißt hinein. Ihre Zähne graben sich in das Fleisch und sie reißt mit großer Mühe ein Stückchen aus dem Bein heraus. Ihr Gesicht verzieht sich. Der Geschmack des Fleischs war fürchterlich, doch erneut beißt sie zu. Erst jetzt bemerkst du ihre eingefallenen Wangen und ihre dünnen Arme. Kein Kind sollte je so abgemagert sein. Kein Kind sollte überhaupt hier sein. Dieser Ort ist eine Strafe. Du gehörst hierher, doch was kann sie schon getan haben, um so ein Schicksal verdient zu haben?

Nichts. Sie hat nichts getan. Ihre Eltern brauchten Macht. Sie war nur die Bezahlung. Aber wenn sie sich über das Fleisch so hermacht, wie ein wildes Tier, denkst du nicht, dass sie ganz gut hierher passt?

Du trittst zu ihr und legst deine Hand um das Fleisch. Sie zuckt, reißt das Messer aus dem Bein und rammt es in deine Hand. Erschrocken lässt du los und sie huscht mit dem Fleisch auf Abstand. Wie ein tollwütiges Tier starrt sie dich an. Ihre Augen sind groß und ihr Blick ängstlich.

Haha, haben wir es dir nicht gesagt? Sie ist ein wildes Tier!

Du runzelst die Stirn und setzt dich langsam auf den Boden. Die Wunde an deiner Hand ist nicht von Belang, ihren Schmerz kannst du einfach ignorieren. Das was jetzt kommt fällt dir jedoch um einiges schwerer. Du planst deine Worte und nutzt all deine Konzentration, um deine Stimme ruhig und klar zu halten.
“Ganz ruhig. Es ist deins. Du kannst es haben.”
Du ziehst das Messer aus deiner Wunde, legst es zwischen euch auf den Boden und wartest einen Moment. Sie beißt wieder in das Bein und verzieht das Gesicht. Danach geht sie in die Hocke und hebt das Messer wieder auf. Dabei lässt sie dich für keinen Moment aus den Augen.
“Furchtbar, nicht wahr?”, sagst du mit einem fast schon echten Lächeln. In deiner Hand lässt du eine kleine Flamme entstehen. “Hitze hilft. Ein wenig.”
Du hasst es, wie viel Mühe es dir macht, zu sprechen. Behutsam machst du einen kleinen Schritt in ihre Richtung. Sie weicht etwas zurück, doch plötzlich bist du schon bei ihr und schnappst dir das Fleisch. Ohne das Fleisch aus ihrer Reichweite zu nehmen, erhitzt du es mit der tänzelnden Flamme und schneidest einen kleinen Streifen mit dem Messer ab. Gierig nimmt sie das Stück entgegen und kaut darauf herum. Noch immer verzieht sie das Gesicht, doch diesmal scheint es nicht ganz so schlimm zu sein. Du lächelst. Diesmal ist es echt.
“Ein wenig. Trotzdem furchtbar.”

So beginnt das erste Essensritual von vielen. Ihr setzt euch auf die Kissen. Du auf das Violette, sie auf das Rote. Das war dir wichtig. Abwechselnd esst ihr. Erst sie ein Stück, dann du. Während du ein Stück abschneidest, stellst du ihr Fragen. Sie antwortet nicht. Langsam gewöhnt sich dein Körper wieder an das Sprechen, doch du fragst dich, was es dir bringt, wenn du nicht einmal weißt, ob sie dich versteht? Vielleicht spricht sie eine ganz andere Sprache oder du sprichst inzwischen die Sprache der Dämonen und merkst es nicht einmal?

Oder sie will einfach nicht mit dir sprechen, weil du ein Dämon bist. Sie ist gottgeweiht. Du bist unter ihrer Würde.

Die Zeit streicht dahin und der Punkt kommt, an dem ihre Aufmerksamkeit sich wieder der Umgebung zuwendet. Neugierig blickt sie zu den Vorhängen, welche die hinteren Kammern der Höhle verbergen. Du stehst auf und ziehst den linken Vorhang beiseite. Dahinter befindet sich eine kleine abschüssige Grotte, in der dunkles Wasser blubbert und schäumt. Unter der Decke hängen kleine leuchtende Kristalle an Seilen, die du einst aus dunklen Haaren geflochten hast.
“Dort wasche ich mich. Und hier –”, erklärst du und ziehst auch den anderen Vorhang beiseite. Dahinter kommt eine große Schlafnische zum Vorschein, welche mit dunklen Fellen ausgelegt und einem Kissen aus dunklem Leder schon fast gemütlich wirkt.“ – schlafe ich.”
Das Mädchen berührt vorsichtig das dunkle Fell und blickt zu dir hinauf. Plötzlich sieht sie unendlich müde aus. Du nickst und hilfst ihr, in die Nische hinein zu klettern. Du siehst zu, wie sie sich hinlegt, zusammen rollt und ehe du dich versiehst, schläft sie ein. Ein dünneres Fell ziehst du wie eine Decke über sie und schließt den Vorhang. Sie hat gegessen, sie hat einen gemütlichen Platz zum Schlafen und sie ist sicher.

Endlich kannst du dich entspannen. Doch selbst Entspannung ist für deinen Kopf eine Gefahr. Ihre Ruhe ist wie eine Leere. Sie muss gefüllt werden.
Der Sturm in dir beginnt erneut vor sich hin zu brodeln. Eine Kakophonie aus leisen Stimmen prasselt auf dich herein wie Regen auf die Wasseroberfläche eines dunklen, kalten Sees.

Was hast du dir dabei gedacht, sie hierher zu bringen?

Denkst du, jemand wie du kann ihr helfen?

Denkst du etwa, nach allem, was du uns angetan hast, könntest du noch ein Held sein?

Willst du damit all unser Leid wieder gut machen?

Die flüsternden Stimmen plagen dich und wir ergötzen uns an deinem Leid. Für eine Weile spielen das Geflecht an verschlungenen Seelen und lassen den Chor ihrer Stimmen singen. Der Schmerz in deiner Seele ist köstlich. Einige Stunden vergehen, bis wir genug davon haben und die Stimmen wieder zurück auf ihren Platz im Hintergrund zwängen.

Wir haben einen Handel, Gefäß. Ruh dich nun aus. Morgen werden wir in die Arena gehen und den Herrscher dieses Labyrinths in Stücke reißen.

Du zweifelst an, dass es wirklich so einfach sein wird und du denkst wieder an das Mädchen. Die Stimmen haben Recht. Du hast keine Ahnung, was du mit ihr machen sollst oder wie du ihr helfen kannst. Vielleicht schaffst du es ja, den Herrscher zu bezwingen und sie aus dem Abgrund herauszubringen, doch was dann? Wer hilft ihr, wieder ein normales Leben zu erlangen? Könntest du mit ihr gehen und mit ihr ein ruhiges Leben führen? Wir lachen.

Eine wirklich absurde Vorstellung.

. . .

Ein Schrei ertönt und reißt dich aus deinem unruhigen Schlaf. Du kletterst aus deiner provisorisch gebastelten Hängematte und suchst nach dem Ursprung ihres Schreckens, doch findest keine der Gefahren, mit denen du gerechnet hast. Du findest das Mädchen am Eingang der Badegrotte. Sie zeigt auf den menschlichen Schädel, der dich aus der Grotte heraus anstarrt. Du bist über ihre Angst verwundert. Denkt sie, er könnte noch am Leben sein?
“Keine Sorge. Er ist schon tot. Den habe ich vor langer Zeit erledigt.”
Du holst den Kopf aus einer Nische in der Grotte, zeigst ihn ihr und legst ihn zurück an seinen Platz. Er war einer deiner liebsten Schätze. Du beugst dich tiefer hinein und holst einen weiteren Schatz hervor.
“Auf den hier bin ich besonders stolz.”, du hältst zwei gebrochene Teile eines Oberarmknochens in den Händen.
“Mit diesem Arm hat er meine Mutter getötet, also habe ich ihm ihn abgenommen.”
Die Erinnerung lässt dich grinsen. Dieser Moment war alles wert gewesen. Du greifst erneut in die Nische und suchst nach dem letzten Schatz. Die Knochen einer linken Hand, mühselig mit Lashks-Sehnen zusammengehalten, kommen zum Vorschein.
“Den hier hab ich leider nicht selbst bekommen. Eigentlich hatte ich ihn schon, jedoch –”, du runzelst die Stirn. Deine Gedanken versuchen immer wieder von dieser Erinnerung abzuschweifen, doch irgendwas ist diesmal stärker.
Du siehst die Erinnerung vor dir. Der Anführer der Banditen liegt dir zu Füßen. Seine Hand ist abgetrennt und er ist dir hilflos ausgeliefert.
Was hat dich davon abgehalten, ihn zu töten?
Dein Herz schlägt schneller. Deine Augen weiten sich, als die Erinnerung sich wieder durch deinen Körper brennt. Mit einer Hand fasst du dir an deinen schmerzenden Kopf, mit der anderen hältst du deine verkrampfende Brust während dein Herz rast.
“Sie ist tot. Abbi ist tot.”, deine Stimme ist heiser und panisch. Du hast sie im Stich gelassen. Du hast sie allein gelassen. Hast sie in ihr Verderben rennen lassen. Sie ist fort.
Und du bist Schuld.
Der schlimmste Tag in deinem Leben, der Tag deines Triumphs spielt sich wieder und wieder in deinem Kopf ab. Du beißt deine Zähne zusammen. Deine Augen starren in die Leere. Die Umgebung wird schwarz und du brichst zusammen.

Die Stadt brennt, doch die Brandleger sind bereits tot. Du hast sie alle erwischt. Alle bis auf einen, doch der liegt jetzt vor dir. Er ist ihr Anführer. Er war ein gestaltwandelnder Dämon. Was es nicht alles gibt? Er speit dir Hohn und Hass entgegen. Seine linke Hand, welche du von seinem rechten Arm abgetrennt hattest, liegt neben dir im verkohlten Gras. Du lächelst, stellst einen Fuß auf den Brustkorb des Dämons und beginnst den Namen deines Vaters in das Tigerfell des Dämons zu ritzen. Diesen Moment wolltest du genießen, doch du wurdest nie damit fertig.
Das Feuer um euch wird durchbrochen. Ein Pfeil trifft dich und leuchtet grell auf. Als du wieder etwas siehst, stehen die Freunde vor dir, die du einst im Eventyr zurückgelassen hast. Es braucht etwas, bis die Schützin dich wiedererkennt, doch als sie es tut, senkt Lia ihren Bogen. Du suchst Abbi, aber sie ist nicht bei ihnen. Lia erkennt sofort die Frage in deinem Blick und Schmerz tritt ihr in die Augen. Als du deinen Mund öffnest, schüttelt Lia nur den Kopf. Tränen steigen in dir auf. Der Anführer lacht unter deinem Fuß, doch ehe du reagieren kannst, durchbohrt ein leuchtender Pfeil seinen Kopf. Lia hat dir diesen Moment genommen, doch sowohl Rache als auch der Triumph sind schon vergessen. Du bist erstarrt. Umgeben von Freunden, bist du dennoch allein, denn sie ist fort. Wieder konntest du deine Liebsten nicht beschützen. Lia versucht mit dir zu sprechen. Sie will dir helfen. Doch du bist ein Nichtsnutz. Eine Schande. Du bist es nicht wert, ihr Freund zu sein. Sie streckt dir eine Hand aus, doch in diesem Moment gibt es nichts, was dir mehr Angst macht. Also machst du, was du am besten kannst. Du rennst und verschwindest in die Dunkelheit.

Du rennst und rennst, doch holt dich die Erinnerung immer wieder ein. Du atmest schwer und krümmst dich auf dem Boden. Dieser Zustand kann Stunden anhalten. Diese Erinnerung ist zu schwer für deine Seele. So sehr, wie du auch versuchst, sie zu vergessen, wird sie immer wieder zum Vorschein kommen, um dich zu quälen. Wir hassen diese Erinnerung. Sie lähmt dich und macht dich hilflos. Alles, was wir tun können, ist deinen Körper zu verteidigen, aber auch wir haben Grenzen.

Das Mädchen war zwar durch deinen Zusammenbruch erschrocken, doch nun hockt sie neben dir. Wir beobachten ihre Reaktionen und machen uns für den nahenden Angriff ihrerseits bereit. Sicher wird sie gleich den Dolch nehmen und dir die Kehle durchschneiden, doch stattdessen zieht sie das dicke Fell aus der Nische und legt es schützend über dich. Offenbar war ihre Angst zu Sorge geworden.
Schritte ertönen am Eingang der Höhle. Das Mädchen greift das Messer vom Tisch und positioniert sich schützend vor dir.

Törichtes Mädchen. Hinter uns wärst du sicherer.

Der Eindringling ist der Priester der uns immer wieder beobachtet. Seine Facettenaugen durchsuchen den Raum. Sie finden dich und das Mädchen. Er tritt langsam auf das Mädchen zu, zwei seiner Hände beschwichtigend nach vorn gestreckt, während die dritte seinen Gehstock fest umklammert. Er geht vor ihr in die Hocke, während sie ein kehliges Knurren von sich gibt. Langsam nimmt er ihr das Messer aus der Hand und legt es zurück auf den Tisch. Danach klicken seine Insekten-Kiefer zusammen und er legt eine Hand auf deinen Kopf. Wir machen uns bereit zum Angriff, doch er hat nicht vor, dir zu Schaden. Er klickt rhythmisch und deine Verkrampfung beginnt sich zu lösen. Magie wirkt auf dich ein, beruhigt deinen gequälten Geist und lässt dich in einen tiefen, ruhigen und vor allem traumlosen Schlaf fallen.

. . .

Du wachst erholt auf. Dein Kopf ist klar und unbeschwert. Du liegst nicht mehr auf dem harten Boden der Hauptkammer, sondern in der gemütlich gepolsterten Schlafnische. Irgendetwas wirkt falsch. Du vertraust der Situation nicht.

Etwas war geschehen.

Jemand war bei dir – du erinnerst dich an das Mädchen und rollst dich aus der Nische. Auf der anderen Seite des Vorhangs schwallt dir ein Geruch von rohem Fleisch und Gewürzen entgegen. Ein Geruch, welcher von deiner Sorge umgehend in schreckliche Bilder umgewandelt wird. Du schiebst sie beiseite und machst dich auf die Suche nach dem Ursprung des Geruchs.
Die leeren Flaschen wurden von deinem Tisch geräumt. Stattdessen liegt auf ihm nun der frische Kadaver eines Lashks. Er wurde ausgeweidet und in grobe Stücke zerteilt. Die Sitzkissen um den Tisch wurden beiseite geschoben. Außer dir war niemand im Raum. Der Geruch kommt von draußen.
Mit leisen Schritten näherst du dich den ledernen Vorhängen am Eingang der Höhle und spähst hindurch. Du siehst eine hagere graue Gestalt, dir den Rücken zugewandt, vor einem großen schwarzen Kessel stehen und etwas darin umrühren. Ein Arm schwimmt in der Brühe und hängt teils aus dem Kessel heraus.
Das ist zu viel. Die schrecklichen Bilder in deinem Kopf drängen sich in den Vordergrund und Angst und Wut übernehmen die Kontrolle. Du erkennst nicht die Klauen des Lashks am Ende des Arms. Für dich ist es der Arm des Mädchens.
Du greifst zu deinen Dolchen, doch stellst fest, dass sie dir abgenommen wurden. Also müssen hier wohl die Klauen ausreichen. Mit einem Schritt bist du durch den Eingang der Höhle hindurchgetreten. Ein weiterer Schritt und du bist fast in Reichweite. Ein letzter Schritt – eine kleine Gestalt taucht neben dem Kessel auf, packt den grauen Dämon am Arm und zeigt in deine Richtung. Es ist das Mädchen. Du siehst es, doch die Bilder gehen dir nicht aus dem Kopf. Nun geht alles schnell. Du springst auf den Dämon zu, Klauen ausgestreckt. Erschrocken zieht der Dämon die lange Eisenkelle aus dem Kessel und versucht, sich damit vor deinem Angriff zu schützen. Heiße Flüssigkeit spritzt über deine Haut und brennt sich zischend in sie ein. Gemeinsam taumelt ihr zu Boden. Du reißt ihm die Kelle aus den Händen, wirfst sie beiseite und gräbst die Klauen deiner anderen Hand tief in einen Riss zwischen den Chitinpanzern an der Hüfte des Dämons. Ein schmerzerfülltes Klicken ertönt aus seinen Zangen. Wie konnte er ihr das antun? Du hörst das Mädchen kreischen. Du spürst, wie kleine Fäuste auf deinem Rücken einschlagen. Dein Herz pocht. Rache. Nichts anderes zählt. Deine Klauen graben sich tiefer in sein Fleisch. Kleine Hände greifen dein Handgelenk und zerren daran. Wütend blickst du zu dem Mädchen, das dich mit einem flehenden Blick anstarrt. Was macht sie hier? Sieht sie denn nicht, dass du ihren Angreifer bestrafst? Dass du Rache nimmst, für die Dinge, die ihr angetan wurden?

Ihr Blick ist angsterfüllt.

Es ist keine Angst vor dem Angreifer.

Nein, die einzige Angst in ihrem Blick gilt dir.

Du beginnst die Situation zu verstehen. Beginnst deine Wahnvorstellungen von der Realität zu trennen.

Beruhige dich. Es gibt hier keinen Angreifer außer dir. Wenn du weiter machst, läuft uns die Kleine noch weg.

Du ziehst deine Klauen aus dem Panzer des grauen Dämons und nimmst Abstand. Schwarzes Blut tropft von deiner Hand. Der Dämon liegt am Boden, krümmt sich vor Schmerz und das Mädchen beugt sich besorgt über ihn. Er klickt erneut mit seinen Zangen und beginnt zu sprechen.
“Ahhh. Damit hätte ich rechnen müssen – Husch. Keine Angst. Die Stimme wird mich noch nicht aus diesem Leben entlassen.”
Er ist schwer für dich zu verstehen, da jeder seiner Konsonanten mit einem lauten Klacken betont wird. Der untere seiner drei Arme streicht über seinen Oberkörper auf der Suche nach der Wunde, die du ihm zugefügt hast. Er zuckt zusammen, als er sie findet und seine Hand beginnt schwach silbrig zu schimmern und als er sie auf die Wunde legt. Dies stoppt die Blutung.
Er rafft sich auf. Das Mädchen blickt nervös zwischen euch hin und her. Du bist misstrauisch und gleichzeitig schämt sich ein Teil von dir.

Er mag zwar kein Angreifer sein, aber trau ihm nicht. Er nutzt die Macht der Götter. Er hat sich sicher mit ihr gegen dich verschworen.

“Ich grüße euch, Wiedergeborener.”, er senkt den Kopf und klopft sich mit der unteren Hand auf den eigenen Brustkorb. “Mein Name ist Dirac. Sprachrohr der Stimme.”

Du musterst ihn. Sein grauer Panzer ist von hunderten Kreidestrichen bedeckt. Sein Kopf gleicht dem einer Ameise, mit zwei großen schwarzen Facettenaugen und zwei mächtigen Kieferzangen. Sein Kopf ist gesäumt von einer kragenartigen Mähne aus schwarz-grauen Haaren. Sein Körper ist groß und dürr. Offenbar hatte er einst zwei Paare von Armen, doch beim unteren Paar ist auf der rechten Seite nur ein schlecht verheilter Stumpf verblieben.

Er verfolgt dich schon seit Jahren. Immer wieder beobachtet er dich. Trau ihm nicht.

Trotz deines Angriffs und der nun anhaltenden Stille zwischen euch, zeigt er keine Nervosität. Mit sicheren Worten fährt er fort.

“Ich habe gerade für euch, Yula und mich eine Suppe gekocht. Wollt ihr auch etwas davon?”

Yula? Deine Augen gleiten zu dem Mädchen. Verwunderung und andere Gefühle steigen in dir auf. Enttäuschung? Eifersucht? Offenbar hat sie sich ihm anvertraut. Sie starrt dich flehend an. Du nickst und trittst an den Kessel.

“Woher habt ihr den?”, fragst du.
“Gefunden.”, er schwenkt mit seiner Hand in die Richtung des Schrottplatzes.
“Woher kennt ihr, ihren Namen?”
“Sie hat ihn mir verraten.”
Du runzelst die Stirn. Er klackt und zeigt auf einen Felsen neben dem Kessel. In krakeliger Schrift steht dort der Name Yula mit weißer Kreide geschrieben.
“Sie kann nicht sprechen. Ihr wurde ihre Stimme genommen.”
Yulas Blick ist finster und sie nickt. Sie nimmt ein Stück von der Kreide und schreibt auf den Stein.
“Ich hab gern gesungen.”, daneben zeichnet sie eine krude Skizze einer rundlichen Kröte mit Hörnern.
“Er hat mir mein Singen genommen.”
Die Kröte bekommt zwei Arme und Beine. Eine Hand streckt sie nach vorn und eine simple Strichzeichnung stellt ein kleines Mädchen vor ihr dar.
Lange schaust du dir die einfache Zeichnung an. Schließlich fragst du Yula, wer das ist, doch sie schüttelt nur den Kopf.
“Kannst du dich an irgendein Detail erinnern?”
Sie denkt eine Weile nach. Dann hellt sich ihr Blick auf und sie fügt der Zeichnung ein kleines Symbol hinzu. Es sieht aus wie ein Dreieck, über das ein “X” gelegt wurde. Du hast es noch nie gesehen.
“Das ist das Zeichen von Nurr. Sie ist die Herrin der Brutkammern im Moor.”, erkennt Dirac. “Sie ist eine Sklaventreiberin und steht gut zu dem gehörnten Prinzen.”
Du stehst auf. Endlich hast du ein neues Ziel. Du wirst die Brutkammern im Moor finden, Nurr dort ausfindig machen und sie mit deinen Klauen zerfetzen.

Mit etwas Glück, wirst du in deiner Blutlust noch daran denken, ihr vorher Yulas Stimme zu entreißen.

Als du dem Kessel den Rücken kehrst, hörst du ein Klopfen von Metall auf Metall. Dirac schlägt drei Mal mit der Kelle gegen den Kessel, bis du dich zu ihm umdrehst.
“Wo gehst du hin?”, fragt er streng.
“Ins Moor. Nurr finden.”
“Nein. Das tust du nicht.”
Verwirrt starrst du den Priester an. Dann drehst du dich wieder um und entfernst dich vom Kessel.
“Du hast nichts vom Eintopf gegessen.”

Was interessiert dich der Eintopf? Deine Wut muss raus gelassen werden. Deine Klauen zucken doch schon. Du bist eine Gefahr für sie beide, wenn du nicht gleich ein Opfer findest.

“Und Yula lässt du hilflos im Stich?”, versucht der Priester es erneut.
“Sie hat dich. Pass du auf sie auf.”
Deine Stimme ist abweisend, aber dennoch bist du stehen geblieben.

Nun hat er dich und er weiß es. Was tust du hier? Geh und lass dich nicht von seinem Geschwätz einlullen.

“Du lässt sie einfach mit einem Dämon allein, den du gar nicht kennst? Was hindert mich daran, sie zu packen, auf den Markt zu schleifen und dort an einen der Sklavenhändler zu verkaufen? Sie würde mir viele Münzen einbringen.”
Du drehst dich um. Dein mörderischer Blick gleitet kalt an seinem harten Chitinpanzer ab.
“Dann nehm ich sie eben mit.”
Drei Schritte und du bist bei Yula. Du greifst nach ihrem Handgelenk, doch sie zuckt zurück. Verwirrung steigt in dir auf. Warum machen es dir wieder alle so schwer? Warum verstehen sie dich nicht?
Plötzlich hält Yula einen Dolch in den Händen, die Spitze dir entgegengestreckt. Ihr Gesicht zeigt keine Angst, stattdessen liegt ein konzentriertes Lächeln auf ihren Lippen. Sie tritt nach vorn und deutet einen Stich an. Als ihr Arm in deine Nähe kommt, packst du ihr Handgelenk und nimmst ihr den Dolch weg.
“Genug gespielt. Was auch immer das hier soll, es hat jetzt ein Ende.”
Du bist rastlos. Du musst los, sonst endet das hier nicht gut.
Yula reibt sich das schmerzende Handgelenk und blickt dich wütend an. Ein Fünkchen Scham macht sich in dir bemerkbar.
“Was willst du?”, fragst du seufzend.
Sie dreht sich um und schreibt an den Felsen.
“Kämpfen.”
“Du? Kämpfen?”, fragst du belustigt. “So wie du den Dolch gehalten hast, tust du dir nur selber weh.”
Yulas Blick trifft dich schärfer als es der Dolch je gekonnt hätte.
Diracs klackende Stimme durchbricht die Anspannung.
“Dann bring es ihr doch bei. Kämpfen kannst du. Das hast du auf der Kreuzung zur Genüge bewiesen. Bei eurer ersten Pause wird auch der Eintopf fertig sein.”
Du möchtest verneinen, doch der Geruch des Eintopfs dringt endlich in dein Bewusstsein vor. Dein Magen knurrt und Yulas Augen leuchten vor Vorfreude.

Und so beginnt Yulas Training. Es geht schleppend voran, doch Yulas Unerfahrenheit wird durch ihren Ehrgeiz wieder wett gemacht. Du zeigst ihr die Übungen, die Krillian dir eins gezeigt hat. Wie man einen Dolch richtig hält, um zuzustechen. Wie man einer Klinge ausweicht. Wie man eine Klinge am besten verbirgt. Dirac zählt die Übungen, die ihr vollführt. Als ihr bei der dreißigsten Übung angekommen seid, willst du Yula eine Pause gönnen, doch Dirac ruft euch zu: “Noch vier weitere. Vierunddreißig ist eine gute Zahl.”
Also geht das Training noch vier Übungen weiter, bis ihr endlich eine Pause macht und euren Bauch mit dem Eintopf voll schlagt. Der Eintopf ist fad und simpel. Er ist nicht mehr als eine Fleischbrühe, mit wenigen Stücken Moos und einem Farn-Wedel, bei dem Dirac beteuert, dass er essbar sei. Trotzdem ist der Eintopf das beste Essen, dass sowohl du als auch Yula seit Wochen zu euch genommen habt.
Während des Essens fragst du Dirac: “Warum ist die Vierunddreißig eine gute Zahl?” und du könntest schwören, dass seine Augen aufleuchten.
“Vierunddreißig ist eine gute Zahl. Ja, ja. Sie bringt Erfolg und Energie.”
“Und warum?”
“Weil es ihr vorbestimmt ist, natürlich. Es ist ein Gesetz der Dinge. So wie die Eins der Anfang von allem ist, die Neunhundertneunundneunzig das Ende, ist die Vierunddreißig der Erfolg und das Glück.”
“Und was ist mit der Tausend?”
“Sie ist die Leere, das Nichts. Eintausendundeins ist dann wieder der Anfang. Ab da wiederholt es sich. Ist das nicht klar?”, antwortet er genervt.
“Hat jede Zahl eine Bedeutung?”
“Ja, doch nicht alle sind wichtig. Die Stimme hat mir die Bedeutung von vielen verraten, doch noch lange nicht alle. Nein, nein. Die meisten muss man sich selbst herleiten.”
Du zählst die Kreidestriche auf seinem Panzer. Es müssen hunderte sein.
“Gibt es eine Zahl, die wichtiger ist als die anderen?”
Er nickt eifrig.
“Ja. Die Zweihundertsiebenunddreißig. Es ist die Zahl der Stimme. Die Zahl der Erlösung. Das Ende dieses Albtraums. Sie wird von der Stimme am Häufigsten wiederholt.”
“Und bei wie vielen sind wir?”
Er schaut kurz verwundert. Dann lächelt er beschämt, als hättest du ihn bei etwas ertappt.
“Zweihundertneunundzwanzig.”

Zweihundertneunundzwanzig?

Waren es wirklich schon so viele?

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